{"id":17,"date":"2015-01-22T15:09:01","date_gmt":"2015-01-22T15:09:01","guid":{"rendered":"http:\/\/escape.univie.ac.at\/?p=17"},"modified":"2015-01-22T15:09:01","modified_gmt":"2015-01-22T15:09:01","slug":"die-illusion-ein-normales-leben-zu-fuehren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/?p=17","title":{"rendered":"&#8222;Die Illusion, ein normales Leben zu f\u00fchren&#8230;&#8220;\u2028"},"content":{"rendered":"<h3>Zur Einleitung: Der Beginn der Belagerung<\/h3>\n<p>Am 5. April 1992, einen Tag vor der Anerkennung der Unabh\u00e4ngigkeit Bosniens und Herzegowinas durch die Europ\u00e4ische Union, kam es zu gro\u00dfen Friedensdemonstrationen in Sarajevo, an denen bis zu 100.000 Menschen beteiligt gewesen sein sollen. Die Demonstrationen richteten sich gegen rechte bosnisch-serbische Politiker, sowie die autorit\u00e4re Politik Belgrads, die ein unabh\u00e4ngiges Bosnien und Herzegowina nicht anerkennen wollte. Die friedlichen Gro\u00dfdemonstrationen wurden durch Sch\u00fcsse von Scharfsch\u00fctzen unterbrochen. Dabei kamen die Kroatin Olga Sucic und die muslimische Medizinstudentin Suada Dilberovic ums Leben. Ihre Ermordung gilt als der Beginn des Bosnienkriegs. Daraufhin kam es am internationalen Flughafen in Butmir und in einigen anderen Bezirken der Stadt zu heftigen Gefechten. Die Jugoslawische Volksarmee (JNA) bezog auf den Bergen rund um Sarajevo Stellung, die Stadt war somit rasch vom Rest der Welt abgeschnitten. Die Belagerung dauerte 1.425 Tage, bis zum 29.02.1996 und brachte unvorstellbares Leid \u00fcber die Bev\u00f6lkerung (faktisch endet die Belagerung Ende 1995, doch offiziell wird sie erst Ende Februar 1996 f\u00fcr aufgel\u00f6st erkl\u00e4rt). Eine notd\u00fcrftige Luftbr\u00fccke und ein Tunnel unter dem Flughafen waren die einzigen Wege, auf denen Nahrungsmittel und andere G\u00fcter der Grundversorgung in die Stadt kamen. Die milit\u00e4rische Blockade der Stadt war die l\u00e4ngste Belagerung des 20. Jahrhunderts und forderte nahezu 11.000 Menschenleben <sup class='footnote'><a href='#fn-17-1' id='fnref-17-1' onclick='return fdfootnote_show(17)'>1<\/a><\/sup>.<br \/>\nSchulen und Universit\u00e4ten nahmen bald nach Beginn der Belagerung ihre allt\u00e4gliche Arbeit unter stark improvisierten und lebensbedrohlichen Umst\u00e4nden wieder auf. Viele Theater- und Konzerth\u00e4user, Kinos und andere Veranstaltungsr\u00e4ume mussten auf Grund ihrer topographischen Lage und der vor allem im Stadtzentrum omnipr\u00e4senten Gefahr eines Granatenanschlags geschlossen werden. Zahlreiche Kunstschaffende schlossen sich jedoch in unterschiedlichen Formationen zusammen, um weiterhin ihren T\u00e4tigkeiten nachgehen zu k\u00f6nnen. Insbesondere die Theaterszene war in den Jahren der Belagerung quantitiativ produktiver als in den unmittelbaren Nachkriegsjahren. Neben dem j\u00e4hrlich stattfindenden internationalen Theaterfestival MESS, bespielten auch das Narodno Pozoriste (Volkstheater), das Kamerni Teatar 55 und das Pozoriste Mladih Sarajevo (Sarajevoer Theater der Jugend) in unregelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden ihre B\u00fchnen. Auch gr\u00fcndete unmittelbar nach Belagerungsbeginn eine Gruppe von SchauspielerInnen, RegisseurInnen und DramaturgInnen das sogenannte Sarajeveski Ratni Teatar (Sarajevoer Kriegstheater, SARTR) und f\u00fchrte bereits im September 1992 ihr erstes eigen produziertes St\u00fcck Skloniste (Der Unterschlupf) auf der B\u00fchne des Theaters der Jugend auf.<br \/>\nEine ungef\u00e4hre Rekonstruktion aller Auff\u00fchrungen w\u00e4hrend der Belagerung ist nach wie vor eine offene Aufgabe der Theaterforschung. Die Anzahl d\u00fcrfte beachtlich sein, wenn man bedenkt, dass beim j\u00e4hrlich stattfindenden Kunstfestival Sommer im Kammertheater allein zwischen Juli und September 1992 48 kulturelle Veranstaltungen (Theaterauff\u00fchrungen, Konzerte und Lesungen) dokumentiert wurden. Im Sommer 1994 waren es bei ebendiesem Festival bereits 121 Events <sup class='footnote'><a href='#fn-17-2' id='fnref-17-2' onclick='return fdfootnote_show(17)'>2<\/a><\/sup>. Die Belagerung der Stadt tat der Produktivit\u00e4t von Kunst- und Kulturschaffenden keinen Abbruch.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Flucht ins Theater<\/h3>\n<p>&#8222;Wir stellen eine neue Definition des Theaters in Sarajevo auf: Theater \u2013 das sind ein Schauspieler und ein Zuschauer in aktiver, durch dramatischen Text artikulierter Wechselbeziehung, sowie eine Granate, die weit genug entfernt ist, um weder Schauspieler noch Zuschauer zu t\u00f6ten. Dieses Theater h\u00fctet und sch\u00fctzt vor der Angst wie ein warmer Mutterleib&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-3' id='fnref-17-3' onclick='return fdfootnote_show(17)'>3<\/a><\/sup>.<br \/>\nDer Schriftsteller Dzevad Karahasan geht von einem textbasierten Verst\u00e4ndnis von Theater aus, wenn er hier versucht, eine Neudefinition des Begriffs im Kontext der Sarajevoer Belagerung zu konstruieren. Der Definition, Theater finde (unter anderem) dann statt, wenn ein Schauspieler einen dramatischen Text artikuliert und dieser von einem Zuschauenden rezipiert wird, kommt hinsichtlich des Belagerungstheaters ein r\u00e4umlicher Aspekt hinzu. Theater k\u00f6nne in Karahasans Definition nur dann stattfinden, wenn der Austragungsort Schutz und Sicherheit garantiere, oder zumindest vort\u00e4usche. Das Theaterhaus wird zum Schutzort, zum Bunker, zum Unterschlupf.<br \/>\nMit eben diesem Motiv arbeitet das erste w\u00e4hrend der Belagerung produzierte Theaterst\u00fcck des SARTRs: Die Handlung von Skloniste von Safet Plakalo und Dubravko Bibanovi\u0107 spielt im Fundus eines kleinen Sarajevoer Theaters. Hier haben sich vier Personen gefunden, als sie Schutz vor den t\u00e4glichen Granatenangriffen suchten: &#8218;Der Regisseur&#8216;, &#8218;Der Dramaturg&#8216;, &#8218;Die Alte&#8216; und &#8218;Der Alte&#8216; sind namenlose Figuren, die in diesem Zufluchtsort mitten im belagerten Sarajevo zueinander gefunden haben. Der Regisseur und der Dramaturg haben bereits vor Beginn der Belagerung der Stadt miteinander in diesem Haus zusammengearbeitet. Der Regisseur schl\u00e4gt bald enthusiastisch vor, die Zeit zu nutzen und ein neues Theaterst\u00fcck zu entwickeln. W\u00e4hrend der Regisseur und der Dramaturg \u00fcber grunds\u00e4tzliche theaterbezogene Fragen diskutieren und die Sinnhaftigkeit von Theater unter solchen Alltagsumst\u00e4nden hinterfragen, sind die beiden Alten Zuschauer dieses Dialogs. Der Dramaturg ist von der Idee, unter solchen Lebens- und Arbeitsbedingungen ein St\u00fcck zu entwickeln, wenig \u00fcberzeugt. Es fehle ja schlie\u00dflich an grundlegenden Mitteln, man habe ja nicht einmal zu essen \u2013 wie solle man sich da auf eine Theaterproduktion konzentrieren? Der Regisseur schl\u00e4gt immer wieder vor, mit dem zu arbeiten, was man eben hier zur Verf\u00fcgung hat.<\/p>\n<figure id=\"attachment_2576\" aria-describedby=\"caption-attachment-2576\" style=\"width: 750px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/escape.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/skloniste.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-2576 size-large\" src=\"https:\/\/escape.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/skloniste-1024x770.png\" alt=\"Abb. 1: B\u00fchnenbild Skloniste. (VHS-Aufzeichnung 1993. Mit Genehmigung von Safet Plakalo) 4.\" width=\"750\" height=\"564\" srcset=\"https:\/\/escape.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/skloniste-1024x770.png 1024w, https:\/\/escape.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/skloniste-300x226.png 300w, https:\/\/escape.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/skloniste-768x578.png 768w, https:\/\/escape.univie.ac.at\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/skloniste.png 1046w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-2576\" class=\"wp-caption-text\">Abb. 1: B\u00fchnenbild Skloniste. (VHS-Aufzeichnung 1993. Mit Genehmigung von Safet Plakalo) <sup class='footnote'><a href='#fn-17-4' id='fnref-17-4' onclick='return fdfootnote_show(17)'>4<\/a><\/sup>.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Neben grunds\u00e4tzlichen \u00dcberlegungen zum Sinn von Theater w\u00e4hrend des Kriegs, reflektiert der Text an zahlreichen Stellen die Umkodierung des Theaters als Ort und Raum. Schon zu Beginn des St\u00fccks schreibt der Dramaturg einen Brief an seine Verwandten im Ausland und liest dabei laut seine geschriebenen Gedanken vor. Er schildert dem Empf\u00e4nger des Briefs, dass er sich soeben in einem Theaterfundus befindet, welcher als Notquartier dient: &#8222;Ich schlafe auf einem alten Bett, decke mich mit Vorh\u00e4ngen zu, verwende Geschirr aus der Requisitenabteilung&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-5' id='fnref-17-5' onclick='return fdfootnote_show(17)'>5<\/a><\/sup>. Die im Theaterfundus verstaute B\u00fchnenrequisite, vormals k\u00fcnstlerisch-visueller Aspekt diverser Inszenierungen, ist ihrer \u00e4sthetischen bzw. inszenatorischen Funktion enthoben. Sie dient hier rein existenziellen Bed\u00fcrfnissen. Der Raum der Theaterkunst ist zum Ort des physischen \u00dcberlebens geworden. Das K\u00fcnstlerische wird hier zur existenziellen Notwendigkeit, indem es nicht mehr im Kontext der Theaterproduktion bzw. Auff\u00fchrung verwendet wird. Die Flucht ins Theater und das \u00dcberleben ebendort gleicht einem Schutzsuchen in einem Bunker.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>&#8218;Illusion&#8216;: Neue Formen und Unterbrechnungen<\/h3>\n<p>Nihad Kre\u0161evljakovi\u0107, Geschichtsstudent w\u00e4hrend der Belagerung und seit 2012 k\u00fcnstlerischer Leiter des Sarajevoer Kriegstheaters:<br \/>\n&#8222;Ich glaube, dass das Wesen des Theaters das Erlebnis von Interaktion ist. Doch nur im Krieg hatte ich dieses wahrhafte Gef\u00fchl, dass ich w\u00e4hrend dem Betrachten des B\u00fchnengeschehnisses zugleich ein Teil eben davon bin. Wenn drau\u00dfen pl\u00f6tzlich auf einmal Granaten fallen, ist es vollkommen irrelevant wie sehr der Schauspieler in seiner Rolle ist: Er und ich denken in diesen Momenten genau dasselbe. Er spricht zwar seinen Text, denkt jedoch die ganze Zeit dar\u00fcber nach, wohin die Granate wohl fallen wird, ob sie uns ja nicht erwischen wird. Dieses kollektive Erleben war einfach eine geniale Erfahrung&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-6' id='fnref-17-6' onclick='return fdfootnote_show(17)'>6<\/a><\/sup>.<br \/>\nDie Unterbrechung der potentiell illusionistischen Kraft des Theaters wird hier als eine Erfahrung beschrieben, die das Theatererlebnis f\u00fcr den Zuschauer verst\u00e4rkt hat. Die leibliche Kopr\u00e4senz von Spielenden und Zuschauenden war laut Kre\u0161evljakovi\u0107&#8216; Aussage durch die gemeinsam erlebten extremen Umst\u00e4nde emotional verdichtet und verst\u00e4rkt. Selbst das st\u00f6rende Element einer au\u00dferhalb des Geb\u00e4udes fallenden Granate, sorgte zwar f\u00fcr eine Unterbrechung der Immersion, verst\u00e4rkte aber f\u00fcr die Zuschauenden das Gef\u00fchl, ein essentieller Teil der Theaterauff\u00fchrung an sich zu sein.<br \/>\nZeitzeugen, die w\u00e4hrend der Sarajevoer Belagerung regelm\u00e4\u00dfig Theaterauff\u00fchrungen besuchten, sprechen meist nicht von einer illusionistischen Kraft des B\u00fchnengeschehens, in die man sich als Zuschauer im Idealfall fl\u00fcchten konnte, sondern verorten die illusionistische Komponente des Belagerungstheaters anderswo:<br \/>\n&#8222;Und wenn man nach so einem Tag aus dem Schlamm empor kriecht, w\u00e4scht man sich zun\u00e4chst. Dann zieht man einen Anzug an. [&#8230;] und kehrt somit in eine zivilisierte Welt, in ein zivilisiertes Leben zur\u00fcck. In diesem Moment ist man pl\u00f6tzlich wie alle anderen jungen Menschen in London, Paris, Belgrad, Zagreb, egal wo. Und eine halbe Stunde zuvor war man in etwas, was total unnat\u00fcrlich war&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-7' id='fnref-17-7' onclick='return fdfootnote_show(17)'>7<\/a><\/sup>.<br \/>\nDragan Golubovic war w\u00e4hrend der Belagerung Soldat in der bosnischen Armee und spricht hier stellvertretend f\u00fcr viele Zeitzeugen dar\u00fcber, dass der Besuch des Theaters an sich bereits realit\u00e4tsverweigernde und illusionistische Elemente hatte, jenseits des eigentlichen B\u00fchnengeschehens. W\u00e4hrend der Sarajevoer Belagerung generiert die Kopr\u00e4senz von Spielenden und Zuschauenden an sich bereits ein eskapistisches Element: Sowohl Schauspieler wie auch Zuschauer imitieren Normalit\u00e4t abseits von Belagerung und Krieg \u2013 Schauspieler setzen ihre Arbeit, ihr gelerntes k\u00fcnstlerisches Handwerk, fort, w\u00e4hrend Zuschauer beim Besuch des Theaters auf dem Weg dorthin ihr Leben riskieren. Dazu auch Nihad Kresevljakovic:<br \/>\n&#8222;Das Faszinierende in den Theatern w\u00e4hrend der Belagerung war die Illusion des Zuschauerbereichs. Man konnte auf der B\u00fchne unm\u00f6glich eine so gro\u00dfe Illusion kreieren, wie sie ohnehin schon unter den Zuschauern herrschte. [&#8230;] ganz einfach ausgedr\u00fcckt: Der Publikumsraum ist Illusion, das auf der B\u00fchne ist Realit\u00e4t. [&#8230;] Die Erfahrung, dass Kunst mit all ihren Inhalten und Werten, unter diesen Umst\u00e4nden absolut lebensnotwendig ist. Diejenigen, die dieser Lebensnotwendigkeit nachgehen, sind Teil einer Illusion. Der Illusion, dass alles normal ist. Das Theaterverh\u00e4ltnis ist also umgekehrt. Die, die auf der B\u00fchne stehen, sind Teil der Realit\u00e4t und das Publikum, das auf dem Weg ins Theater sein Leben riskiert, das w\u00e4hrend der Vorstellung nicht wei\u00df, ob in der n\u00e4chsten Sekunde nicht vielleicht eine Granate ins Geb\u00e4ude einschlagen wird \u2013 dies ist die Illusion des damaligen Theaters&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-8' id='fnref-17-8' onclick='return fdfootnote_show(17)'>8<\/a><\/sup>.<br \/>\nDie Schauspielerin Jasna Diklic sieht dies aus der Perspektive ihrer Profession gleich:<br \/>\n&#8222;die Illusion, dass die Schauspieler das Gef\u00fchl haben, dass etwas normal ist. Dass sie ein normales Leben f\u00fchren. Die Illusion eines Lebens abseits des Krieges. Ich habe die Rolle in Skloniste angenommen, weil es nicht nur ein Angebot war, eine Rolle zu spielen \u2013 es war ein Angebot, meinem Alltag zu entfliehen&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-9' id='fnref-17-9' onclick='return fdfootnote_show(17)'>9<\/a><\/sup>.<br \/>\nDie Fortsetzung der Arbeit von Theaterschaffenden hat im Belagerungskontext eskapistische Elemente. Es generiert f\u00fcr die Theaterschaffenden eine Gef\u00fchl von bewusst fingierter Normalit\u00e4t abseits des Kriegs.<br \/>\nDass das Spielen und Rezipieren von Theater w\u00e4hrend der Belagerung immens von der gemeinsamen Lebensrealit\u00e4t aller Anwesenden gepr\u00e4gt ist, bringt auch Miodrag Trifunov auf den Punkt:<br \/>\n&#8222;Wir haben den Menschen das Gef\u00fchl vermittelt, dass wir zusammengeh\u00f6ren, dass wir eines sind, Publikum und Schauspieler. Und zwar wirklich. Nicht theatertheoretisch, nicht diese Ko-Pr\u00e4senz von Zuschauer und Schauspieler, nicht so, wie das Theater sowieso ist, wenn Frieden herrscht. Sondern als Menschen, die ein gemeinsames Schicksal teilen&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-10' id='fnref-17-10' onclick='return fdfootnote_show(17)'>10<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Die Immitation von Normalit\u00e4t als politischer Akt<\/h3>\n<p>Die oben von ZeitzeugInnen beschriebene Form der Realit\u00e4tsflucht hat nichts mit Realit\u00e4tsverweigerung zu tun. Vielmehr wird die brutale Realit\u00e4t produktiv genutzt, indem das Kunstschaffen und -konsumieren weiterhin verfolgt wird. Auch steckt in dieser Immitation einer gewissen Normalit\u00e4t ein politischer Akt der Rebellion. Die auch w\u00e4hrend der Belagerung publizierte Sarajevoer Tageszeitung Oslobodenje berichtet am 17.12.1992 im Kulturteil:<br \/>\n&#8222;Das Dilemma, welches sich unter den Sarajevoer Schauspielern etabliert hat, n\u00e4mlich die Frage danach, ob sie in solch einem Krieg ihre Arbeit fortsetzen sollen, wurde rasch gekl\u00e4rt. Nat\u00fcrlich m\u00fcssen sie das, weil dies den Aggressor \u00e4rgert!&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-11' id='fnref-17-11' onclick='return fdfootnote_show(17)'>11<\/a><\/sup>.<br \/>\nTheater, das unter lebensbedrohenden Umst\u00e4nden produziert und rezipiert wird, ist fernab von dessen textlichem oder inszenatorischem Inhalt schon ein politischer Akt an sich. Dazu vergleicht die US-amerikanische Theaterwissenschaftlerin Erika Munk treffend:<br \/>\n&#8222;From the outside, Sarajevo is now an arena. The sniper watches a kid walking his dog and decides which to kill. The rest of the world watches the killing with excitement, disgust or despair. A playing field for the sniper, Roman games for the home viewer. Spectacle. [&#8230;] But inside, beyond those lines of vision, a fluid, constantly improvised scenario of artistic and intellectual life exists, within which art is neither a commodity nor a self-contained aesthetic event, but an action. Here theater finds its role, because here actors and audience can look directly at each other, playing out a free city\u2019s democratic points of view, recreating its debates, lamentations and hopes&#8220; <sup class='footnote'><a href='#fn-17-12' id='fnref-17-12' onclick='return fdfootnote_show(17)'>12<\/a><\/sup>.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Entkommen als (\u00dcberlebens-)strategie<\/h3>\n<p>Durch die extreme Ver\u00e4nderung der lebensallt\u00e4glichen Wirklichkeit hin zu einem st\u00e4ndig lebensbedrohlichen Alltag, ver\u00e4ndern sich vermeintlich bekannte Strategien und Motivationen der Flucht aus und von der Realit\u00e4t hin zu den K\u00fcnsten. In der Medien- und Theatertheorie g\u00e4ngige Begriffe geh\u00f6ren hier hinterfragt und auf die spezifische Situation der Belagerung hin neu definiert. Anhand der Aussagen von ZeitzeugInnen wurde aufgezeigt, wie der mit Eskapismus konnotierte Begriff der &#8218;Illusion&#8216; von Theaterschaffenden und -zuschauenden als die M\u00f6glichkeit, durch das Produzieren und Rezipieren von Theater eine Normalit\u00e4t abseits des Kriegs zu imitieren, neu verstanden wird. Auch wurde aufgezeigt, dass der Begriff der &#8218;Realit\u00e4tsflucht&#8216; im Kontext des Belagerungstheaters stets an den Auff\u00fchrungsort gebunden ist: Man flieht sich nicht in die Rezeption von Kunst, sondern wahrhaft in den Ort an sich. Der Theaterbesuch ist eine Fluchtbewegung weg von den Stra\u00dfen und hin in einen vermeintlich gesch\u00fctzten Raum. Das &#8218;Entkommen als Strategie&#8216; wird hier zum &#8218;Entkommen als \u00dcberlebensstrategie&#8216;.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3 class=\"p1\"><span class=\"s1\">Bibliographie<\/span><\/h3>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Senad Halilbasic, <i>Umzingelte B<\/i><\/span><span class=\"s2\"><i>\u00fc<\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>hnen <\/i><\/span><span class=\"s2\"><i>\u2013 <\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>Zur Entstehung und Entwicklung des Sarajevoer Kriegstheater. <\/i>Dipl.-Arb., Universit<\/span><span class=\"s2\">\u00e4<\/span><span class=\"s1\">t Wien 2012.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Dzevad Karahasan: <i>Tagebuch der Aussiedlung<\/i>. Wien<\/span><span class=\"s4\"><sup>1<\/sup><\/span><span class=\"s1\"> 1993.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Erika Munk: <i>Notes from a trip to Sarajevo. Aus: &#8222;Theater Magazine <\/i><\/span><span class=\"s2\"><i>\u2013 <\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>No ?&#8220;<\/i>. Yale 1995.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Safet Plakalo: <i>Sklonist<\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>e <\/i><\/span><span class=\"s2\"><i>\u2013 <\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>Der Unterschlupf. (<\/i>Unver<\/span><span class=\"s2\">\u00f6<\/span><span class=\"s1\">ffentlichtes Manuskript) 1992. <i>(In deutscher <\/i><\/span><span class=\"s2\"><i>\u00dc<\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>bersetzung als Anhang in: Halilbasic, Umzingelte B<\/i><\/span><span class=\"s2\"><i>\u00fc<\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>hnen).<\/i><\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Holm Sundhausen: <i>Sarajevo. Die Geschichte einer Stadt<\/i>. Wien<\/span><span class=\"s4\"><sup>1<\/sup><\/span><span class=\"s1\"> 2014.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">D. Novo: &#8222;A gdje su vam glumci?&#8220;. In: <i>Oslobod<\/i><\/span><span class=\"s1\"><i>enje<\/i> 17.12.1992., S. 5.<\/span><\/p>\n<p class=\"p1\"><span class=\"s1\">Safet Plakalo (R.), <i>Skloniste. BIH 1993<\/i>.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Empfohlene Zitierweise<\/h3>\n<p>Senad Halibasic: &#8222;&#8218;Die Illusion, ein normales Leben zu f\u00fchren&#8230;&#8216;. (Realit\u00e4ts-)flucht und Illusion im Theater w\u00e4hrend der Sarajevoer Belagerung 1992-1995&#8220; In: <em>escape. Strategien des Entkommens.<\/em> Onlinepublikation. Hg. von Nicole Kandioler\/Ulrich Meurer\/Vr\u00e4\u00e4th \u00d6hner\/Andrea Seier. http:\/\/escape.univie.ac.at\/die-illusion-ein-normales-leben-zu-fuehren\/<\/p>\n<h3 class=\"p1\">Endnoten<\/h3>\n<div class='footnotes' id='footnotes-17'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-17-1'> Vgl. Holm Sundhausen: Sarajevo. Die Geschichte einer Stadt. Wien 2014, S. 309ff. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-2'> Vgl. Senad Halilbasic: Umzingelte B\u00fchnen. Zur Entstehung und Entwicklung des Sarajevoer Kriegstheater. Dipl.-Arb., Universit\u00e4t Wien 2012, S. 10ff. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-3'> Dzevad Karahasan: Tagebuch der Aussiedlung. Wien 1993, S. 44f. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-4'> Safet Plakalo (R.), Skloniste. BIH 1993, 33:10. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-5'> Safet Plakalo: Skloniste. Der Unterschlupf. (Unver\u00f6ffentlichtes Manuskript) 1992, S. 3. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-6'> Halilbasic 2012, S. 53. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-6'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-7'> Halilbasic 2012, S. 57. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-7'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-8'> Halilbasic 2012, S. 58. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-8'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-9'> Halilbasic 2012, S. 57. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-9'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-10'> Halilbasic 2012, S. 53. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-10'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-11'> D. Novo: &#8222;A gdje su vam glumci?&#8220;. In: Oslobodenje 17.12.1992., S. 5.  <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-11'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-17-12'> Erika Munk: Notes from a Trip to Sarajevo. Yale 1995, S. 16. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-17-12'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Senad Halilbasic<\/strong><\/p>\n<p>Der folgende Text beleuchtet einige Funktionen des Theaters w\u00e4hrend der Sarajevoer Belagerung 1992-1995 und hinterfragt dabei im Besonderen die Begriffe der &#8218;Flucht&#8216;, der &#8218;Realit\u00e4tsflucht&#8216; und der &#8218;Illusion&#8216; und versucht sie im Kontext der Belagerungssituation neu zu erfassen. Der mit Eskapismus eng verbundene problematische Begriff der Illusion wird seitens Zuschauender aber auch seitens Spielender beleuchtet. Dabei kommen an sp\u00e4terer Stelle ZeitzeugInnen zu Wort, die w\u00e4hrend der Belagerung neue Formen von Illusion zu erkennen glauben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2697,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[4,10,11,15,17,24,31,40,44,52],"class_list":["post-17","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","tag-belagerung","tag-eskapismus","tag-europa","tag-flucht","tag-gemeinschaft","tag-illusion","tag-krieg","tag-politik","tag-scheitern","tag-theater"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=17"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/17\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=17"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=17"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=17"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}