{"id":2614,"date":"2015-05-20T09:13:13","date_gmt":"2015-05-20T09:13:13","guid":{"rendered":"http:\/\/escape.univie.ac.at\/?p=2614"},"modified":"2015-05-20T09:13:13","modified_gmt":"2015-05-20T09:13:13","slug":"escape-penelopes-weben-als-flucht-an-ort-und-stelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/?p=2614","title":{"rendered":"(ES)CAPE: Penelopes Weben als Flucht an Ort und Stelle"},"content":{"rendered":"<p>In seinen &#8222;Dialogen&#8220; mit Claire Parnet kommt Gilles Deleuze mehrfach auf das Thema des Fliehens und der Flucht zu sprechen. Dabei gibt er unter anderem folgende Beschreibung, die bei genauem Hinsehen h\u00f6chst ungew\u00f6hnlich anmutet:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;&#8218;Fliehen&#8216; deckt sich nicht genau mit &#8218;reisen&#8216;, nicht einmal mit &#8217;sich von der Stelle bewegen&#8216; \u2013 schlie\u00dflich gibt es ja auch Reisen \u00e0 la fran\u00e7aise: organisierte Bildungsreisen, auf denen man sein &#8218;Ich&#8216; mitschleppt. Auch kann eine Flucht auf der Stelle stattfinden, als unbewegte Reise. Toynbee weist nach, da\u00df Nomaden im strengen, im geographischen Sinn weder Wanderer noch Reisende sind, vielmehr Leute, die sich nicht von der Stelle r\u00fchren, die sich an die Steppe klammern. Unbewegte, gro\u00dfe Schritte einer Fluchtlinie an Ort und Stelle folgend: sie als die gr\u00f6\u00dften Erfinder neuartiger Waffen&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-1' id='fnref-2614-1' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>1<\/a><\/sup><\/p><\/blockquote>\n<p>Zwei Aspekte an dieser Passage erscheinen bemerkenswert, wenn nicht gar kontraintuitiv. Zum einen unterl\u00e4uft die Rede von einer &#8222;Flucht auf der Stelle&#8220; offenbar die Vorstellungen, die man sich f\u00fcr gew\u00f6hnlich vom Fliehen macht: Flucht bedeutet damit f\u00fcr Deleuze nicht notwendig Weggehen, nicht Aufbruch oder Auszug im geographischen Sinn. Ganz im Gegenteil, kann sie sich offenbar auch im Moment eines Stillstandes vollziehen \u2013 im Modus &#8222;unbewegter Schritte&#8220;, was immer das sein mag. Zum anderen wirkt es umso eigent\u00fcmlicher, wenn die &#8222;Flucht auf der Stelle&#8220; ausgerechnet mit der Begriffsperson des Nomaden verbunden wird, mit jener Figur also, die landl\u00e4ufig geradezu als Paradigma einer Existenz angesehen wird, die, wieder im geographischen Sinn, niemals an Ort und Stelle verharrt, niemals zur Ruhe kommen mag. Hinzu kommt schlie\u00dflich das kriegerische Moment, das Deleuze der &#8222;Flucht auf der Stelle&#8220; zuspricht: Eine unbewegte Reise l\u00e4sst &#8222;neuartige Waffen&#8220; erfinden \u2013 es handelt sich also um eine aktive, konstituierende und produktive T\u00e4tigkeit.<\/p>\n<p>Von dieser Idee einer unbewegten Flucht ausgehend, m\u00f6chte ich im Folgenden eine Figur genauer in den Blick nehmen, in der sich die paradoxen oder auch sich wechselseitig spaltenden Verh\u00e4ltnisse von Fluchtbewegung und Stillstand verdichten und die dabei ganz am Beginn \u2013 vielleicht am \u00e4u\u00dfersten Rand \u2013 der europ\u00e4ischen Literatur\u00fcberlieferung steht: Es handelt sich um die Figur der Penelope und ihre Webelist. Denn einerseits sitzt Penelope versteckt und fast unbeweglich in ihrer kleinen Webkammer, mitten in Ithaka und damit auch inmitten der Freier, vor denen sie sich andererseits auf einer permanenten Flucht befindet. Und dabei vollzieht sie zwar auf den ersten Blick gerade keinen best\u00e4ndigen Ortswechsel, wie es ihr Gatte, der durch den Raum irrende Odysseus, tut. Doch zugleich manifestiert sich in ihrer Aktivit\u00e4t \u2013 dem best\u00e4ndigen Zusammenweben und Wiederaufl\u00f6sen des Leichentuchs \u2013 eine permanente Bewegung, die sich in ein spezifisches Verh\u00e4ltnis zu den Irrfahrten des Odysseus setzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte im Folgenden in zwei Schritten vorgehen: Zun\u00e4chst versuche ich, im Kontext der Begrifflichkeit von Deleuze das kriegerische bzw. verteidigende Moment an Penelopes &#8222;Flucht an Ort und Stelle&#8220; herauszuarbeiten und ihre Waffentechnik genauer zu beschreiben. Anschlie\u00dfend werde ich fragen, inwiefern Penelopes Aktivit\u00e4t zus\u00e4tzlich eine Tendenz innewohnt, die \u00fcber den kriegerischen Impuls nicht nur hinausgeht, sondern ihm vielleicht sogar widerstreitet: eine Tendenz nicht des Dissoziierens, sondern des Assoziierens, keine &#8222;Kriegsmaschine&#8220; (Deleuze), sondern eine Maschine der Vers\u00f6hnung. In diesem zweiten Teil werde ich auf Michel Serres&#8216; Lesart der Penelope-Figur zur\u00fcckgreifen, die durchaus in gro\u00dfer N\u00e4he zu Deleuze steht, zugleich aber auch eine bemerkenswerte theoretische und theoriepolitische Akzentverschiebung impliziert und eine offene Frage an die gegenw\u00e4rtige Theoriebildung darstellt.<\/p>\n<h3>Penelopes Flucht an Ort und Stelle<\/h3>\n<p>Besch\u00e4ftigt man sich mit der Odyssee Homers und, unaufl\u00f6slich damit verbunden, mit den verschiedenen Deutungen und Interpretationen einer der \u00e4ltesten und einflussreichsten Dichtungen der abendl\u00e4ndischen Literatur, so ist zun\u00e4chst auff\u00e4llig, dass &#8222;die gro\u00dfen Geistesgaben des Helden Odysseus&#8220;, wie der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider konstatiert hat, &#8222;ein reiches und kontroverses Kommentarwesen&#8220;<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-2' id='fnref-2614-2' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>2<\/a><\/sup> hervorgebracht haben, die Figur der Penelope und ihre den F\u00e4higkeiten von Odysseus ebenb\u00fcrtige Klugheit hingegen meistens unter den Tisch fallen. Dabei stellt die Odyssee, wie Stefanie Lethbridge entgegen einer herrschenden Lesart konstatiert hat, &#8222;rein quantitativ [\u2026] weniger das Epos einer Reise, als das Epos des von Odysseus verlassenen, aber von Penelope bewahrten Zuhauses&#8220; dar.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-3' id='fnref-2614-3' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>3<\/a><\/sup> Penelope kommt als Ehefrau von Odysseus und Mutter von Telemachos daher insbesondere in der zweiten H\u00e4lfte des Epos eine prominente Rolle zu.<\/p>\n<p>Die Beschreibung von Odysseus und Penelope ist dabei zumeist auf ein Denken in Oppositionen beschr\u00e4nkt. In einer solch oberfl\u00e4chlichen Lesart erscheint Odysseus beispielsweise immer wieder als der listige und vielgewandte (polytropos) Held, der die Meere \u00fcberquert und als Reisender, wie es scheint, st\u00e4ndig &#8222;unterwegs&#8220;, st\u00e4ndig in Bewegung ist. Penelope hingegen spielt in dieser Opposition lediglich die Rolle der treuen und zu Hause gebliebenen Ehefrau, die auf die R\u00fcckkehr ihres Mannes wartet und zur Abwehr all der aufdringlich werbenden Freier ihre Webarbeit an Laertes&#8216; Leichentuch als Ausrede vorschiebt und viel Zeit, fast unbeweglich und unter Ausschluss des \u00d6ffentlichen, in ihrer kleinen Kammer am Webstuhl verbringt.<\/p>\n<p>Ein solch eindeutig vorgetragener Dualismus l\u00e4dt nun dazu ein, die Opposition von Bewegung und Stillstand und damit auch das Verh\u00e4ltnis von Odysseus und Penelope genauer in den Blick zu nehmen \u2013 was also ist Penelopes spezifische Strategie und inwiefern kann ihre List als Flucht begriffen werden?<\/p>\n<p>Im zweiten Gesang der <em>Odyssee<\/em> findet Penelopes Webelist das erste Mal Erw\u00e4hnung (im gleichen Wortlaut, jedoch in anderen Konstellationen, wird in der <em>Odyssee <\/em>noch zwei weitere Male auf Penelopes Webelist rekurriert).<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-4' id='fnref-2614-4' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>4<\/a><\/sup> In einer von Telemachos einberufenen Versammlung des Volkes kommt der Freier Antinoos auf Penelopes &#8222;schlaues Geheimnis&#8220; (Od. 2, 108) zu sprechen. In seiner Gegenrede zu Telemachos bezeichnet der aufgebrachte Antinoos Penelope als &#8222;Listigste unter den Weibern&#8220; (Od. 2, 88), die &#8222;tr\u00fcglich&#8220; (Od. 2, 94) und &#8222;mit eitle[m] Wahne die edlen Achaier verspottet&#8220; (Od. 2, 90), wenn sie &#8222;des Nachts [\u2026] beim Scheine der Fackeln&#8220; (Od. 2, 105) das Gewebe wieder auftrennt, um eine erneute Hochzeit mit einem der Freier weiter hinauszuz\u00f6gern. Die sch\u00fctzende Dunkelheit und Ruhe der Nacht ist dabei zun\u00e4chst von entscheidender Bedeutung f\u00fcr das Gelingen der Webelist: Nur in der Nacht, wenn die meisten Menschen, und damit auch die am Tage unabl\u00e4ssig werbenden Freier, schlafen, kann Penelope im Schutze der Dunkelheit ungest\u00f6rt und unbeobachtet das am Tag produzierte Gewebe wieder auftrennen und damit einen Ausweg aus ihrer verzwickten Situation heraus finden. Die sich entziehende und fliehende Kraft von Penelopes Webelist liegt jedoch nicht nur in der Nacht als &#8218;Gegenzeit&#8216;, sondern vor allem auch in einem Aufschub von Zeit begr\u00fcndet. Und genau in diesem Spiel des Aufschubs zeigen sich letztlich, laut Antinoos, Penelopes T\u00e4uschung und ihr Betrug, erm\u00f6glicht es ihr doch, ihre Ehrbarkeit und ihre Ehe zu erhalten.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-5' id='fnref-2614-5' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>5<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Penelope geht es in ihrer Webarbeit in erster Linie also weniger darum, ein schmuckvolles Gewand herzustellen oder sich die Zeit zu vertreiben, sondern vielmehr darum, Zeit zu gewinnen (aber auch: (sich) Zeit zu nehmen, Zeit zu haben und Zeit zu geben). Das entscheidende Charakteristikum von Penelopes Kunstgriff besteht darin, &#8222;die Zeit zu sistieren und zu strukturieren&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-6' id='fnref-2614-6' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>6<\/a><\/sup> Dabei hat sie buchst\u00e4blich die F\u00e4den in der Hand und wird in ihrer scheinbaren Unbeweglichkeit zur aktiv Handelnden: das best\u00e4ndige Auftrennen des Gewebes in der Nacht l\u00e4sst sie Zeit gewinnen und gibt ihr die M\u00f6glichkeit, den Zeitpunkt der Fertigstellung des Leichentuches in eine unbestimmte Zukunft zu verl\u00e4ngern und damit das Kommen und Gehen der Freier zu kontrollieren.<\/p>\n<p>Der ma\u00dfgebliche Punkt ihrer Fluchtbewegung besteht also gerade in dieser Logik des Aufschubs und der Stockung: Es geht darum, das Setzen eines Punktes, das Treffen einer Entscheidung zu einer erneuten Heirat, so lange wie m\u00f6glich, hinauszuz\u00f6gern. Penelope vollzieht dabei in gewisser Weise eine Gegenbewegung zu Odysseus: W\u00e4hrend man Odysseus&#8216; gesamte Irrfahrt als den Versuch beschreiben k\u00f6nnte, nach Hause, zur\u00fcck nach Ithaka, und damit auf einen festen Punkt zu kommen, besteht Penelopes List darin, die Fertigstellung des Leichentuchs kontinuierlich aufzuschieben, keinen Abschluss zu finden und damit gerade nicht zu einem Ende und zu einem Fixpunkt zu kommen. Und obwohl Odysseus Reise auch durch einen Aufschub gekennzeichnet ist, besteht der Unterschied und die Gegenbewegung darin, dass Odysseus&#8216; Aufschub, im Gegensatz zu Penelopes, nicht beabsichtigt ist. Penelope erweist sich in dieser von ihr er\u00f6ffneten Zone der Unbestimmtheit und Ambiguit\u00e4t als Herrin \u00fcber die Zeit und wird, vor allem in von feministischer Seite stark gemachten Interpretationen, durch ihre List zur Gestalterin ihres eigenen Schicksals.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-7' id='fnref-2614-7' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>7<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Der entscheidende Punkt f\u00fcr die Frage nach einer Flucht auf der Stelle liegt nun darin begr\u00fcndet, dass Penelopes Weben im Aufschub zugleich eine permanente Bewegung darstellt: Das Weben selbst besteht aus einer unendlichen Reihung von Wiederholungen, aus dem Verkreuzen von Kett- und Schussfaden, d.h. dem endlosen Gleiten des am Webschiffchen befestigten Schussfadens \u00fcber und unter die Kettf\u00e4den hindurch. Wenn Penelope in der Nacht ihr Gewebe nun wieder auftrennt und das am Tag Gewebte wieder r\u00fcckg\u00e4ngig macht, und das ist das Spezifische ihrer List, verkehrt sich ihre Bewegung in eine Gegenbewegung. Das Webschiffchen legt nun in entgegengesetzter Richtung den gleichen Weg zur\u00fcck, den es bei der Herstellung genommen hat. Der am Webschiffchen befestigte Schussfaden wird so aus den vertikal gespannten Kettf\u00e4den wieder herausgezogen, die Verkreuzung der beiden Fadensysteme aufgehoben und das Gewebe aufgel\u00f6st. Was nach dem Auftrennen des Gewebes bleibt, sind die Kettf\u00e4den; der waagerechte Schussfaden ist nicht mehr sichtbar; er befindet sich aufgewickelt auf der Fadenspule des Webschiffchens.<\/p>\n<p>Interessanterweise liegt die fliehende (und zugleich sch\u00fctzende) Funktion der Webelist vor den werbenden Freiern in der Struktur der Webelist selbst: und zwar handelt es sich um ein Gewebe, das nicht w\u00e4chst. Man k\u00f6nnte Penelopes Verteidigungsstrategie und Waffe in gewisser Weise als eine Art Panzerung beschreiben, die in ihrem Moment der \u00d6ffnung einer klassisch milit\u00e4rischen Panzerungs- und Abschottungstaktik entgegensteht und eben keine Mauern errichtet, aber (um im kriegerischen Bild zu bleiben) wahrscheinlich gerade deshalb die Feinde zur\u00fcckh\u00e4lt. Deleuze und Guattari, die gleich zu Beginn ihrer Studie \u00fcber Kafka auf dessen Erz\u00e4hlung <em>Der Bau<\/em> zu sprechen kommen, beschreiben eine \u00e4hnliche Figur. Sie konstatieren, dass Kafkas Bau gerade durch seine vielen Eing\u00e4nge, G\u00e4nge und Verzweigungen den Feind t\u00e4usche und sein Eindringen behindere.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-8' id='fnref-2614-8' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>8<\/a><\/sup> Das Gewebe l\u00e4sst sich so als eine vielfach ge\u00f6ffnete Struktur begreifen, die taktisch als List eingesetzt werden kann, und entgegen einer Bewegung der Feststellung, die auf einen Punkt, auf ein Ende abzielt, arbeitet \u2013 und zwar nicht nur auf Ebene der Gewebestruktur, sondern auch auf das Hin und Her des Webschiffchens und den Prozess der Produktion bezogen. Wenn Penelope nun einer endg\u00fcltigen Entscheidung und Feststellung entgegenarbeitet, hei\u00dft das also, den &#8218;Gewebepanzer&#8216; nicht wachsen zu lassen und ihn niemals vollst\u00e4ndig fertigzustellen, sondern ihn gewisserma\u00dfen immer in der Schwebe zu halten. Auch wird nur so eine Offenheit beibehalten, die den Ansatzpunkt bildet, um das Gewebe und die darin eingeschriebene Panzerung Nacht f\u00fcr Nacht wieder r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-9' id='fnref-2614-9' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>9<\/a><\/sup> Der Panzer bietet also gerade deswegen Schutz, weil er offen und nicht, wie man landl\u00e4ufig annehmen w\u00fcrde, geschlossen ist.<\/p>\n<p>\u00dcber die Notwendigkeit einer Abwehr hinaus resultiert Penelopes st\u00e4ndige Bewegung zugleich aus einer Verkn\u00fcpfung von Text und Textil: Denn Penelope zeichnet sich nicht nur durch ihr \u00fcberragendes Geschick am Webstuhl aus, sondern verf\u00fcgt auch \u00fcber eine flinke Zunge und das Talent, Geschichten zu erz\u00e4hlen und auszuspinnen.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-10' id='fnref-2614-10' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>10<\/a><\/sup> Penelopes wichtigste Attribute \u2013 der Webstuhl, das hin- und hergehende Webschiffchen und der Stoff des Gewebes \u2013 symbolisieren diese Begabung. Durch ihre Webelist wird Penelope nicht nur, wie bereits betont, zur aktiv Handelnden und zur Gestalterin ihres eigenen Schicksals, sondern auch zur Sch\u00f6pferin ihrer eigenen Geschichte: Penelopes Weben ist direkt mit der Erz\u00e4hlung der Odyssee verwirkt. Im Gegensatz etwa zu Philomelas Webarbeit, die f\u00fcr ihre Schwester Prokne ein Gewand anfertigt, das mittels eingewebter Bilder die Geschichte ihrer Vergewaltigung durch Tereus erz\u00e4hlt, weist Penelopes Gewebe keine Muster und Formen und damit auch keine bedeutungstragenden Zeichen auf. Ihr Gewebe funktioniert nicht als Tr\u00e4ger einer heimlichen Botschaft, die von einem Ort zum anderen \u00fcbertragen wird, sondern funktioniert in seiner Struktur des Webens und Wiederaufl\u00f6sens als textiler Text, der die Geschichte von Odysseus Irrfahrt vor- und nachzeichnet und den Text der Odyssee \u00fcberhaupt erst hervorbringt. Wie Manfred Schneider herausgestellt hat, produziert Penelope das &#8222;Gewebe, die Textur, den Text, den Odysseus als Erz\u00e4hler seiner eigenen Geschichte erlebt und berichtet. Die Spiegelung und die Erg\u00e4nzung ergeben sich daraus, da\u00df Odysseus im Mittelmeerraum umherirrt, ohne voranzukommen, w\u00e4hrend Penelope ihr Gewebtes jeweils in der Nacht wieder aufl\u00f6st. Und doch h\u00e4lt das Gewebe, das sich auf diese Weise langsam in Vor- und R\u00fcckschritten entfaltet, die Struktur der Geschichte fest, die Odysseus kontinuierlich erz\u00e4hlt. W\u00e4hrend sein Schiff von St\u00fcrmen und Zuf\u00e4llen, von Schicksals- und G\u00f6tterlaunen bald hierhin, bald dorthin getrieben wird, bewegt sich das Webschiffchen Penelopes zwar weniger zuf\u00e4llig, aber doch spiegelbildlich in jenem unaufh\u00f6rlichen Hin und Her, worin sich das Fatum (die Geschichte) ihres Mannes nachzeichnet und aufschreibt&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-11' id='fnref-2614-11' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>11<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Das best\u00e4ndige Zusammenweben und Wiederaufl\u00f6sen ist in seinem Aufschub von Zeit und in seiner vielfach ge\u00f6ffneten Struktur nicht nur eine Waffe und eine Strategie des Entzugs, sondern enth\u00e4lt in seiner Verkn\u00fcpfung von Text und Textil und den Verschaltungen mit Odysseus irrender Bewegung durch den Raum ein weiteres produktives, aber zugleich auch ein synthetisierendes Moment.<\/p>\n<p>Im Anschluss an Schneider, der in seiner Argumentation an die Arbeiten von Michel Serres, und insbesondere an dessen \u00dcberlegungen zur Odyssee in seinem Text &#8222;Diskurs und Parcours&#8220;,<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-12' id='fnref-2614-12' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>12<\/a><\/sup> ankn\u00fcpft, m\u00f6chte ich nun im Folgenden die Perspektive Serres&#8216; genauer in den Blick nehmen. Anhand dessen Ausf\u00fchrungen zur topologischen Struktur der Odyssee und zu Penelopes Webarbeit als Theoriearbeit soll die zu Beginn bereits angesprochene Tendenz des Vers\u00f6hnens nun st\u00e4rker konturiert werden.<\/p>\n<h3>Penelope als Theoretikerin<\/h3>\n<p>F\u00fcr Serres ist die Irrfahrt des Odysseus ein Parcours &#8218;und&#8216; ein Diskurs. Wobei er zugleich klarstellt, dass es sich dabei nicht um &#8222;den Diskurs \u00fcber einen Parcours&#8220; handelt, sondern &#8222;um den Parcours eines Diskurses, [\u2026] um den Kurs, die Route, den Weg, die durch die urspr\u00fcngliche Disjunktion hindurchf\u00fchren&#8220; (DP, 216) und den mythischen Diskurs erst hervorbringen.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-13' id='fnref-2614-13' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>13<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Die Odyssee stellt also f\u00fcr Serres, wie auch der Mythos des \u00d6dipus, eine Reise durch die r\u00e4umlichen getrennten Mannigfaltigkeiten des mythischen Raumes dar. Der Mythos ist nicht begehbar und jeder Parcours durch diesen f\u00fchrt durch &#8222;r\u00e4umliche Zuf\u00e4lle, Verzweigungen, Katastrophen und Schleifen&#8220; (DP, 215). Und gerade weil der Mythos sich urspr\u00fcnglich in disjunkten R\u00e4umen entfaltete, musste Odysseus w\u00e4hrend seiner Irrfahrt immer wieder auf Schluchten und Risse sto\u00dfen und an den R\u00e4ndern und Bruchstellen dieser mythischen R\u00e4ume scheitern.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-14' id='fnref-2614-14' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>14<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Ein weiterer Grund f\u00fcr dieses Scheitern besteht zudem in dem chim\u00e4rischen Charakter der mythischen R\u00e4ume, wodurch Kategorien wie &#8222;offen&#8220; und &#8222;geschlossen&#8220; oder &#8222;au\u00dfen&#8220; und &#8222;innen&#8220; miteinander kombiniert werden. Zugleich wird hier auf die topologische, und nicht-euklidische, Dimension des Raumes der Odyssee verwiesen:<\/p>\n<p>&#8222;Die unerreichbaren Inseln und L\u00e4nder, die man nicht verlassen kann. Der Strand, auf den die Katastrophe einen wirft, die Brandung, die Ufer, von denen man abgetrieben wird, so nah man ihnen einen Augenblick auch war. Das Einbringen eines h\u00f6lzernen Pferdes in die geschlossene Stadt, wobei die Krieger zugleich innerhalb der Stadt sind und au\u00dferhalb, da sie sich im Inneren eines geschlossenen Kastens befinden, der sich innerhalb der Stadt befindet. [\u2026] Die Blendung des Zyklopen soll zeigen, da\u00df ein geschlossenes System f\u00fcr den Sehenden nicht dasselbe ist wie f\u00fcr jemanden, der nur noch seine Haut hat. Die Vorbeifahrt an den anziehenden Gestaden der Sirenen, das hei\u00dft an einer Nachbarschaft oder Adh\u00e4sion, die f\u00fcr den Tauben offen, f\u00fcr den H\u00f6renden dagegen geschlossen ist. Die Karte dieser Reise ist voll von vollkommen zerstreuten, im w\u00f6rtlichen Sinne sporadischen R\u00e4umen, und jeder von ihnen ist strengstens determiniert, w\u00e4hrend die gesamte Irrfahrt, das mythische Abenteuer, letztlich nur ihre allgemeine Verkn\u00fcpfung darstellt. Als h\u00e4tte der Diskurs nur ein Ziel, n\u00e4mlich Verbindungen herzustellen. Oder als w\u00e4re die Verkn\u00fcpfung, die Beziehung, der Rapport, nichts anderes als der Weg, den der Urdiskurs nimmt. Mythos gleich Urlogos; Transport gleich Urrapport. Verbindung als Voraussetzung des Verkehrs.&#8220; (DP, 216f.)<\/p>\n<p>Um diesen mythischen Raum begehbar zu machen, um &#8222;einen einheitlichen Raum der m\u00f6glichen Transportvorg\u00e4nge oder der stets m\u00f6glichen Transfers&#8220; (DP, 219) zu schaffen und an der Schlie\u00dfung der Risse und Spalten zu arbeiten, die diesen Raum durchziehen, braucht es, laut Serres, den &#8222;Weber&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-15' id='fnref-2614-15' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>15<\/a><\/sup> Denn gerade die Webkunst schaffe es, &#8222;F\u00e4den mit unendlich vielf\u00e4ltigen Nuancen&#8220; (DP, 217) und letztlich &#8222;das Rationale und das Irrationale&#8220; (ebd.) miteinander zu verkn\u00fcpfen.<\/p>\n<p>Der Weber, der zwei getrennte Welten zusammenn\u00e4ht und &#8222;Br\u00fccken, Wege, Brunnen oder Stationen zwischen radikal verschiedenen R\u00e4umen&#8220; (DP, 212) herstellt, verk\u00f6rpert f\u00fcr Serres den &#8222;Proto-Arbeiter des Raumes, Prosopop\u00f6e der Topologie und der Knoten, den Weber, der daran arbeitet, zwei getrennte Welten lokal zusammenzun\u00e4hen, zwei Welten, so sagt der einheimische Mythos, die durch einen j\u00e4hen Absturz getrennt sind, eine metastrophale Z\u00e4sur, an der sich Tod und Schiffbruch h\u00e4ufen: die Katastrophe&#8220; (DP, 220). Diese Aufgabe des Webens, des Zusammenn\u00e4hens kommt nun in der Odyssee Penelope zu.<\/p>\n<p>Mit Michel Serres haben wir es hier also mit zwei Ebenen zu tun: Erstens erf\u00fcllen der Parcours der Odyssee und die Erz\u00e4hlung der Irrfahrten die Funktion, die R\u00e4ume des Mythos miteinander zu verkn\u00fcpfen. Zweitens zeichnet Penelopes Webarbeit und das Hin- und Her ihres Webschiffchens genau dieses Verfahren (vor und) nach. Serres sieht Penelope daher auch &#8222;in der Position des Theoretikers&#8220; (DP, 217). Sie ist &#8222;die Autorin des Diskurses, sie unterzeichnet ihn, sie zeichnet seinen Graphen, die Kurve seiner Bahn, seinen Parcours. Sie webt und l\u00f6st dieses Gewebe, welches das Vor und Zur\u00fcck des Seefahrers nachzeichnet. Den Kurs des Odysseus an Bord seines Schiffes, dieses Weberschiffchens, dessen Bewegungen Fasern, die durch Leere getrennt sind, miteinander verflechten.&#8220; (DP, 217) Nach Serres steht Penelopes Webkunst f\u00fcr einen Logos, der bereits pr\u00e4sent ist und der die von Rissen umgebenen Mannigfaltigkeiten zu ordnen und zu verkn\u00fcpfen beginnt.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-16' id='fnref-2614-16' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>16<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Dass in dieser Lesart des Mythos von einem Logos die Rede ist und dieser mit der Figur der Penelope und somit einer weiblichen Seite verkn\u00fcpft ist, mag auf den ersten Blick vor dem Hintergrund einer feministischen und poststrukturalistischen Kritik am Logozentrismus erstaunen. Auch vor dem Hintergrund der \u00dcberlegungen Adornos und Horkheimers in der <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em>, wonach der \u00dcbergang vom Mythos zur Aufkl\u00e4rung einen Prozess der Entzauberung und Entmythologisierung darstellt und sich in dessen Folge eine Unterwerfung der Natur unter den Logos vollzieht,<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-17' id='fnref-2614-17' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>17<\/a><\/sup> mutet es paradox an, dass Serres im Bereich des Mythischen bereits den Urlogos aufscheinen sieht und Mythos und Logos als jeweils verschiedene Organisationen des Denkens miteinander zu verkn\u00fcpfen scheint. Um diese Faltung in Serres&#8216; Denken zu verstehen und missverst\u00e4ndlichen Lesarten vorzubeugen, muss hier genau differenziert werden.<\/p>\n<p>Serres&#8216; zentraler Punkt ist zun\u00e4chst, dass der Weber bzw. die Weberin im mythischen Diskurs Verbindungen zwischen den Dingen und auseinanderfallenden R\u00e4umen des Mythos herstellt. Ein Blick auf den Zusammenhang von Mythos und Weben in der griechischen Antike kann an dieser Stelle m\u00f6glicherweise f\u00fcr mehr Klarheit sorgen: Laut Ellen Harlizius-Kl\u00fcck wird das Weben &#8222;aufgrund seiner diskontinuierlichen Ordnung (Bindungsstruktur) aus zwei Systemen kontinuierlicher Elemente (Kettf\u00e4den und Schussf\u00e4den)&#8220;<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-18' id='fnref-2614-18' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>18<\/a><\/sup> im Mythos als Form der Welterzeugung eingesetzt, um das Verh\u00e4ltnis von Raum, Zeit und Lebewesen zu verdeutlichen und raum-zeitliche Strukturen zu repr\u00e4sentieren.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-19' id='fnref-2614-19' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>19<\/a><\/sup> In dieser Vorstellung eines kosmischen Weltgewebes, eines gro\u00dfen Gewebes, kommt dem Weben die Funktion zu, eine Ordnung zu schaffen und zusammenzuhalten, in die der Einzelne eingewoben ist und die die Dinge, R\u00e4ume, Orte und Erz\u00e4hlungen in vielf\u00e4ltigen Verbindungen zueinanderstehen und einen Platz haben.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-20' id='fnref-2614-20' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>20<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Wenn Serres nun in Bezug auf das Weben den Mythos mit einem &#8222;Urlogos&#8220; gleichsetzt und von einem Logos spricht, der \u2013 &#8222;wild und weiblich&#8220; (DP, 217) \u2013 zwar &#8222;pr\u00e4sent&#8220; ist, sich &#8222;aber noch in den H\u00e4nden&#8220; befindet, wird meines Erachtens eine Ordnung hergestellt, die einerseits noch nicht im Logozentrismus aufgeht und sich gewisserma\u00dfen unterhalb des Logos vollzieht, sich andererseits dem Logos aber auch nicht vollst\u00e4ndig entzieht. Der Logos ist noch in den H\u00e4nden \u2013 die H\u00e4nde am Webstuhl schaffen eine Differenz, sie teilen und verbinden. Das hei\u00dft auch, dass der Logos noch in das K\u00f6rperliche eingebettet und noch nicht entleiblicht und auf die Vernunft und die Rationalit\u00e4t verengt ist. Zugleich ist hier eine Theorie angesprochen, die auch eine Praxis ist. Theorie und Praxis bilden keine Gegens\u00e4tze, sondern werden als miteinander verwoben und einander bedingend betrachtet.<\/p>\n<p>In diesem Sinne muss meiner Meinung nach auch der Begriff des Diskurses bei Serres gedacht werden. Der Diskurs ist hier als eine ordnende Instanz, aber noch nicht als sprachliches Denksystem einer symbolischen Ordnung, sondern paradoxerweise als Symbolisierung unterhalb der symbolischen Ordnung zu verstehen. Serres&#8216; Begriff des Diskurses muss hier eher von seiner Etymologie her gedacht werden, als discurrere im Sinne von Sich-Ausbreiten und Hin-und-her-Laufen oder -Fahren \u2013 und zwar ebenso wie Penelopes Webschiffchen das Vor und Zur\u00fcck des Seefahrers Odysseus vor- und nachzeichnet und somit den Diskurs \u00fcber einen Parcours erst hervorbringt. Penelope als Theoretikerin zu begreifen, bedeutet somit, den Grund anzuerkennen, warum Odysseus&#8216; Irrfahrt \u00fcberhaupt stattfinden kann. Oder in anderen Worten: Penelopes Gewebe markiert hier das Sein der Verkn\u00fcpfungen, der Relationen im Raum und reflektiert zugleich die Entstehung und Transformation von Strukturen in der Struktur.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Odysseus in seinem Parcours durch die mythischen R\u00e4ume von Station zu Station irrt ohne seiner Heimat n\u00e4her zu kommen, zeichnet Penelope mit ihrem Gewebe den Parcours des mythischen Diskurses nach. Dabei h\u00e4lt Penelopes Gewebe, das am Tag gewebt und in der Nacht wieder aufgetrennt wird und sich in diesem Ineinander aus Vor- und R\u00fcckschritten, Bewegung und Gegenbewegung langsam entfaltet, die Struktur der Geschichte fest, die Odysseus kontinuierlich erz\u00e4hlt. W\u00e4hrend Schicksalswendungen, G\u00f6tterlaunen, St\u00fcrme und Zuf\u00e4lle ihm eine Heimfahrt auf direktem Wege versagen und ihn im Zickzackkurs mal hierhin, mal dorthin treiben, bewegt sich Penelopes Webschiffchen zwar weniger st\u00fcrmisch und zuf\u00e4llig, zeichnet aber in seiner unaufh\u00f6rlichen Bewegung des Hin und Her (und der Irrfahrt struktur\u00e4hnlich) die Geschichte ihres Mannes nach und auf.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-21' id='fnref-2614-21' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>21<\/a><\/sup> Vor diesem Hintergrund ist es auch nicht verwunderlich, dass die Fertigstellung des Leichentuches genau mit dem Ende der Irrfahrt und Odysseus&#8216; Heimkehr nach Ithaka zusammenf\u00e4llt.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-22' id='fnref-2614-22' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>22<\/a><\/sup> So hei\u00dft es im 24. Gesang, kurz nachdem Agamemnon zum dritten und letzten Mal in der Odyssee auf Penelopes Webelist verweist:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Als sie den gro\u00dfen Mantel gewirkt und sauber gewaschen,\/Und er hell, wie die Sonn&#8216; und der Mond, entgegen uns gl\u00e4nzte;\/Siehe da f\u00fchrte mit einmal ein b\u00f6ser Daimon Odysseus\/Drau\u00dfen zum Meierhof, den der Schweine H\u00fcter bewohnte.&#8220; (Od. 24, 147-150)<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8222;Als Odysseus nach Ithaka in den heimischen Palast zur\u00fcckkehrt, findet er in den Armen der K\u00f6nigin die fertige Theorie seines eigenen Mythos&#8220; (DP, 217), so schreibt Serres. Die Produktion des Gewebes ist also eng mit der Produktion der Erz\u00e4hlung verbunden \u2013 in Penelopes Gewebe laufen gewisserma\u00dfen Textil- und Textarbeit zusammen.<\/p>\n<h3>Zusammenf\u00fchrende \u00dcberlegungen: Deleuze und\/oder Serres<\/h3>\n<p>Wie verhalten sich die beiden Lesarten Penelopes nun genau zueinander? Einerseits scheint sich ja das produktive Moment der Webelist im Sinne Serres&#8216; mit der deleuzianischen Vorstellung einer konstituierenden und aktiven Fluchtbewegung zu decken. Und doch weist Serres&#8216; Akzentuierung des vers\u00f6hnenden Charakters von Penelopes Webarbeit andererseits in eine Richtung, die am Schluss nicht mehr g\u00e4nzlich mit Deleuze&#8216; \u00dcberlegungen zur Flucht \u00fcbereinkommt. Das liegt vor allem an einer wichtigen Differenz oder sogar Unvereinbarkeit zwischen der Konzeption des &#8222;Nomadischen&#8220; und der &#8222;Flucht an Ort und Stelle&#8220; bei Deleuze\/Guattari und der spezifischen T\u00e4tigkeit des &#8222;Webens&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr Serres hat das Gewebe als Verkreuzung von Kettf\u00e4den und Schussfaden eine strukturbildende Funktion, zugleich kommt Penelopes spezifischer Arbeit des Webens und Wiederauftrennens die Rolle zu, die disjunkten mythischen R\u00e4ume miteinander zu verkn\u00fcpfen, also einen Diskurs \u00fcber den Parcours zu zeichnen. Das aber ist gerade keine Deterritorialisierungsbewegung im Sinne von Deleuze\/Guattari \u2013 was sp\u00e4testens dann deutlich wird, wenn man bedenkt, dass das Gewebe in &#8222;Tausend Plateaus&#8220; als Paradigma eines &#8222;gekerbten Raumes&#8220; \u2013 des Raumes des sesshaften, des nicht-nomadischen Lebens \u2013 beschrieben wird. In diesem Kontext wird vor allem herausgestellt, dass ein Gewebe zwar in der L\u00e4nge unendlich sein kann, nicht aber in der Breite, weil diese durch den Rahmen f\u00fcr die Kette festgelegt wird. Folglich setzt, so Deleuze\/Guattari, &#8222;die Notwendigkeit einer Hin- und Herbewegung [\u2026] einen begrenzten Raum voraus&#8220;,<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-23' id='fnref-2614-23' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>23<\/a><\/sup> der gerade nicht der Raum des Nomadischen ist.<\/p>\n<p>Mit der Begriffsfigur des Nomaden wiederum sind bei Deleuze\/Guattari all jene bezeichnet, &#8222;die aus der Steppe kommen, die sich auf einer aktiven und kontinuierlichen Flucht befinden, die Deterritorialisierung \u00fcberall hintragen, die Fluten vorantreiben, deren Quanten sich erhitzen und die von einer Kriegsmaschine ohne Staat mitgerissen werden&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-24' id='fnref-2614-24' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>24<\/a><\/sup> Durch sein nicht besitzergreifendes und aneignendes Verh\u00e4ltnis zu Raum und Territorium vollzieht der Nomade in seiner Bewegung, der Fluchtlinie folgend, ein wanderndes Denken und ein Reisen im Glatten. Denken hei\u00dft reisen \u2013 und im Glatten zu reisen, bedeutet ein regelrechtes Werden.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-25' id='fnref-2614-25' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>25<\/a><\/sup> W\u00e4hrend nun aber der Nomade in seiner Bewegung durch den Raum versucht, &#8217;nicht&#8216; zu stolpern, h\u00e4ngen zu bleiben und an den Hindernissen zu scheitern, weil diese Folgen von kerbenden Machtmechanismen sind, stellt es sich in den \u00dcberlegungen von Serres nahezu entgegengesetzt dar: So geht es Serres vorrangig darum, ein Konzept zu entwickeln, um die Fragmentierung des von Spalten, Rissen und L\u00f6chern zerkl\u00fcfteten mythischen Raums als vernetzt und auf paradoxe Art und Weise miteinander verbunden zu denken. Serres setzt hier, wie Doris Schweitzer schreibt, &#8222;an die Stelle der Flucht oder der Zersetzung [\u2026] die Versuche der Vers\u00f6hnung, die eine Einheit aufzeigt&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-26' id='fnref-2614-26' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>26<\/a><\/sup> Und selbst wenn Deleuze\/Guattari in der &#8222;Konfrontation von Glattem und Gekerbtem&#8220; immer auch &#8222;die \u00dcberg\u00e4nge, die Wechsel und die \u00dcberlagerungen&#8220; betonen, die &#8222;heute und in den unterschiedlichen Richtungen&#8220;<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-27' id='fnref-2614-27' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>27<\/a><\/sup> stattfinden, dann ist ihr Ansatz dennoch insofern von dem Serres&#8216; zu unterschieden, als die deterritorialisierende Energie des Nomaden eine &#8222;Strategie des kriegerischen Dazwischentreten&#8220; bezeichnet, w\u00e4hrend Serres versucht, das &#8222;vers\u00f6hnende Dazwischentreten selbst theoretisch streng&#8220;<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-28' id='fnref-2614-28' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>28<\/a><\/sup> zu fassen. Wenn Serres Penelope nun als Theoretikerin begreift, bewegt er sich von der kriegerischen und aggressiven Konzeption von Flucht weg und verortet das fliehende Potential mit Penelope als Theoretikerin eher in der Theoriearbeit selbst (womit sich zugleich der Vorwurf an Theorie als Eskapismus noch einmal neu denken lie\u00dfe).<\/p>\n<p>Nach Schweitzer, die in ihrer Studie &#8218;Topologien der Kritik&#8216; die unterschiedlichen Perspektiven von Deleuze und Serres diffizil herausgearbeitet hat, markieren Serres&#8216; eher auf eine Synthetisierung abzielende \u00dcberlegungen &#8222;eine zentrale Problematik von Deleuze, die er bereits selbst benannt hatte: Das Problem der widerst\u00e4ndischen Kraft der Bewegung der Grenz\u00fcberschreitung, der Grenznegierung und der Flucht aus vorgegebenen (staatlichen) Bahnen&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-29' id='fnref-2614-29' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>29<\/a><\/sup> Das Schwierige daran ist nun, wie Schweitzer weiter ausf\u00fchrt, dass die \u00dcberschreitungs- und Fluchtbewegung einer Vorstellung von Einheit entgegengesetzt ist, deren Dominanz im \u00dcbergang zum 21. Jahrhundert immer br\u00fcchiger geworden ist. Damit geht eine Entwicklung einher, die das Nomadische selbst immer mehr zu einem kulturellen Paradigma gemacht hat. In demselben Ma\u00df scheint aber auch die fliehende und widerst\u00e4ndige Kraft des Nomaden in Frage gestellt: &#8222;der Nomade [insistiert] nicht mehr, sondern wird zur Figur der Gegenwart. Und auf genau dieses Problem verweist Serres mit seiner Beschreibung der Topologien der Kritik&#8220;.<sup class='footnote'><a href='#fn-2614-30' id='fnref-2614-30' onclick='return fdfootnote_show(2614)'>30<\/a><\/sup><\/p>\n<p>Damit ist keineswegs eine Verabschiedungsgeste impliziert, vielmehr ist es unm\u00f6glich, eine Entscheidung zwischen einer eher dissoziierenden im Sinne Deleuze&#8216; und einer eher vers\u00f6hnenden Konzeption von Flucht im Sinne Serres&#8216; zu treffen. Es handelt sich um zwei Ans\u00e4tze, bei denen unklar ist, wie sie sich genau zueinander verhalten und die einander eher als zwei widerstreitende Tendenzen innezuwohnen scheinen, als dass sie eine harte Opposition bilden w\u00fcrden. Auch wenn es sich hier um eine offene und noch nicht beantwortete Frage handelt, kann das Weben der Penelope m\u00f6glicherweise ein passendes Bild liefern: In dem Wechselspiel aus Verbinden und Trennen (und damit aus Dissoziieren im Sinne Deleuze&#8216; und Synthetisieren im Sinne Serres&#8216;) verweist ihre Webarbeit auf die Notwendigkeit, Problemlagen wie Differenz und Relationalit\u00e4t, Grenz\u00fcberschreitung und Grenzziehung, Vereinheitlichung und Vervielfachung, in ihrer paradoxen Konstellation theoretisch und praktisch zu fassen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Literaturverzeichnis<\/h3>\n<p>Theodor W. Adorno\/Max Horkheimer: <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung.<\/em> Frankfurt\/Main<sup>17<\/sup> 2008.<\/p>\n<p>Gilles Deleuze\/F\u00e9lix Guattari: <em>Kafka: F\u00fcr eine kleine Literatur.<\/em> Frankfurt\/Main<sup>1<\/sup> 1976.<\/p>\n<p>Gilles Deleuze\/Claire Parnet: <em>Dialoge.<\/em> Frankfurt\/Main<sup>1<\/sup> 1980.<\/p>\n<p>Gilles Deleuze\/F\u00e9lix Guattari: <em>Tausend Plateaus.<\/em> Berlin<sup>1<\/sup> 1992.<\/p>\n<p>Ellen Harlizius-Kl\u00fcck: s.v. &#8222;Weben, Spinnen.&#8220; In: <em>W\u00f6rterbuch der philosophischen Metaphern<\/em>, Hg. v. Ralf Konersmann. Darmstadt<sup>3<\/sup> 2011, S. 504-524.<\/p>\n<p>Uvo H\u00f6lscher: <em>Die Odyssee: Epos zwischen M\u00e4rchen und Roman.<\/em> M\u00fcnchen<sup>2 <\/sup>1990.<\/p>\n<p>Stefanie Lethbridge: &#8222;Heldenhafte Frau oder nur Frau des Helden? Weibliche Versionen des Odysseusmythos&#8220;, In: <em>Odysseus: Irrfahrten durch die Jahrhunderte<\/em>. Hg. v. Hans-Joachim Gehrke\/Mirko Kirschkowski. Freiburg i.Br.<sup>1<\/sup> 2009, S. 91-110.<\/p>\n<p>Ulrich Meurer: &#8222;Kette, Schuss, Gegenschuss: Penelope als autoreflexive Figur in Godards Le M\u00e9pris&#8220;. In: <em>Perseus\u2019 Schild: Griechische Frauenbilder im Film.<\/em> Hg. v. Ulrich Meurer, Marie-Elisabeth Mitsou, Maria Oikonomou. M\u00fcnchen<sup>1<\/sup> 2008, S. 125-161.<\/p>\n<p>John Scheid\/Jasper Svenbro: <em>The Craft of Zeus: Myths of Weaving and Fabric.<\/em> Cambridge\/MA<sup>2<\/sup> 2001.<\/p>\n<p>Manfred Schneider: <em>Liebe und Betrug: Die Sprache des Verlangens.<\/em> M\u00fcnchen<sup>1<\/sup> 1994.<\/p>\n<p>Doris Schweitzer: <em>Topologien der Kritik: Kritische Raumkonzeptionen bei Gilles Deleuze und Michel Serres.<\/em> Berlin<sup>1 <\/sup>2011.<\/p>\n<p>Inge Stephan: &#8222;Odysseus und die Sirenen: Zur Dialektik der Aufkl\u00e4rung von Adorno und Horkheimer&#8220;. In: <em>Musen &amp; Medusen: Mythos und Geschlecht in der Literatur des 20. Jahrhunderts. <\/em>Hg. v. Inge Stephan<em>.<\/em> K\u00f6ln<sup>1<\/sup> 1997, S. 106-132.<\/p>\n<p>Marina Warner: <em>In weiblicher Gestalt: Die Verk\u00f6rperung des Wahren, Guten und Sch\u00f6nen.<\/em> Reinbek bei Hamburg<sup>1<\/sup> 1989.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Endnoten<\/h3>\n<div class='footnotes' id='footnotes-2614'>\n<div class='footnotedivider'><\/div>\n<ol>\n<li id='fn-2614-1'> Gilles Deleuze\/Claire Parnet: <em>Dialoge<\/em>. Frankfurt\/Main 1980, S. 46. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-1'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-2'>\u00a0Manfred Schneider: <em>Liebe und Betrug. Die Sprache des Verlangens<\/em>. M\u00fcnchen 1994, S. 99. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-2'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-3'> Stefanie Lethbridge: &#8222;Heldenhafte Frau oder nur Frau des Helden? Weibliche Versionen des Odysseusmythos&#8220;, In: <em>Odysseus: Irrfahrten durch die Jahrhunderte.<\/em> Hg. v. Hans-Joachim Gehrke\/Mirko Kirschkowski. Freiburg i.Br. 2009, S. 91-110, hier: S. 91. In den letzten Jahren gab es verschiedene Ans\u00e4tze, die den Fokus der Odyssee von den Irrfahrten des Helden etwas verschoben haben und die weibliche Perspektive der Penelope in den Vordergrund r\u00fcckten. Beispielsweise seien hier genannt: Margaret Atwood: <em>The Penelopiad.<\/em> Edinburgh 2006; Dorothy Parker: &#8222;Penelope&#8220;. In: <em>The Collected Dorothy Parker.<\/em> London 1973; Inge Merkel: <em>Eine ganz gew\u00f6hnliche Ehe: Odysseus und Penelope.<\/em> Salzburg <sup>2<\/sup>1987. Im Bereich der Homer-Forschung vgl. Barbara Clayton: <em>A Penelopean Poetics: Reweaving the Feminine in Homer&#8217;s Odyssey.<\/em> Lanham u.a. 2004; vgl. Marylin A. Katz: <em>Penelope&#8217;s Renown: Meaning and Indeterminacy in the Odyssey.<\/em> Princeton 1991; vgl. Susan Stanford Friedman: <em>Penelopes Web: Gender, Modernity, H.D.&#8217;s Fiction. <\/em>Cambridge 1990; vgl. John J. Winkler: <em>Der gefesselte Eros: Sexualit\u00e4t und Geschlechterverh\u00e4ltnis im antiken Griechenland.<\/em> Marburg 1994. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-3'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-4'> Vgl. Homer: <em>Ilias\/Odyssee<\/em> (In der \u00dcbersetzung von Johann Heinrich Vo\u00df), Stuttgart: Deutscher B\u00fccherbund 1971, 2. Gesang, Z. 93. (Im Folgenden in abgek\u00fcrzter Form zitiert als Od.). Ein zweites Mal kommt Penelope im 19. Gesang selbst auf ihre List zu sprechen, und zwar im Gespr\u00e4ch mit ihrem bis dahin noch unerkannt gebliebenen und nach Ithaka zur\u00fcckgekehrten Ehemann Odysseus. (Vgl. Od. 19, 137-55.) Ein drittes Mal findet die List im 24. und letzten Gesang Erw\u00e4hnung: Agamemnon preist Odysseus gl\u00fccklich und lobt ihn im Zuge dessen auch f\u00fcr seine kluge und t\u00fcchtige Ehefrau, die ihm trotz der dr\u00e4ngenden Freier die Treue bewahrt und weiterhin auf seine R\u00fcckkehr gehofft hat. (Vgl. Od. 24, 128-45.) <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-4'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-5'> Vgl. Od. 2, 106. Vgl. auch Schneider 1994, S. 103 sowie vgl. Marina Warner: <em>In weiblicher Gestalt: Die Verk\u00f6rperung des Wahren, Guten und Sch\u00f6nen.<\/em> Reinbek bei Hamburg 1989, S. 141. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-5'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-6'> Schneider 1994, S. 103. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-6'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-7'> Vgl. Lethbridge 2009, S. 96; vgl. Warner 1989, S. 147. Andererseits ist dieser Aufschub der Zeit eng mit dem Modus des Wartens verkn\u00fcpft, denn auch hier geht es darum, etwas noch nicht zu tun bzw. etwas herauszuschieben. Und es scheint zudem so, als ob Penelope es darauf anlegt, diesen Endpunkt nicht selbst zu setzen, sondern von den \u00e4u\u00dferen Umst\u00e4nden abh\u00e4ngig zu machen \u2013 sei es nun durch die Freier, die ihre List entdecken und sie zu einer Heirat zwingen oder sei es in der Hoffnung, dass der lebendige Odysseus mit seiner R\u00fcckkehr einem der Freier doch noch zuvorkommt. Vgl. Schneider 1994, S. 103. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-7'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-8'> Vgl. Gilles Deleuze\/F\u00e9lix Guattari: <em>Kafka: F\u00fcr eine kleine Literatur<\/em>. Frankfurt\/Main 1976, S. 7. F\u00fcr Deleuze und Guattari wird durch diese rhizomatische Struktur nicht nur das Eindringen des Feindes, sondern auch des Signifikanten verhindert. In diesem Sinne l\u00e4sst sich sowohl das Gewebe als auch dessen Aufl\u00f6sung als Struktur bezeichnen, die die &#8222;finale Feststellung&#8220; des Signifikanten erschwert und in diesem Sinne vielleicht eher als &#8222;weibliche&#8220; Seite jenseits einer phallogozentrischen Signifikantenlogik zu verstehen ist. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-8'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-9'> Das Bild des stetig offen gehaltenen Gewebes erinnert an ein Beispiel, auf das John Scheid und Jesper Svenbro in ihrer Studie &#8222;The Craft of Zeus&#8220; rekurrieren: Nach Scheid und Svenbro beenden Weberinnen, die dem indigenen Volk der Navaho zugeh\u00f6rig sind, ein Gewebe niemals vollst\u00e4ndig, sondern lassen an einer Stelle eine \u00d6ffnung, an die sp\u00e4ter angekn\u00fcpft und das Werk erweitert werden kann. &#8222;The (\u2026) Navaho wisdom also advises weavers not to finish their work completely, but to leave an opening somewhere within it.&#8220; In: John Scheid\/Jasper Svenbro: <em>The Craft of Zeus: Myths of Weaving and Fabric.<\/em> Cambridge\/MA 22001, S. 5. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-9'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-10'> Warner 1989, S. 139ff. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-10'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-11'> Schneider 1994, S. 102. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-11'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-12'> Dieser 1974 gehaltene Vortrag wurde, mit protokollierter anschlie\u00dfender Diskussion, ver\u00f6ffentlicht in: Michel Serres: &#8222;Mythischer Diskurs und erfahrener Weg&#8220;, In: <em>Identit\u00e4t: Ein interdisziplin\u00e4res Seminar unter Leitung Claude L\u00e9vi-Strauss. <\/em>Hg. v. Jean-Marie Benoist, Stuttgart 1980, S. 22-47.<br \/>\nDer Vortrag wurde 1977 zudem in leicht ver\u00e4nderter Form unter dem Titel &#8222;Diskurs und Parcours&#8220; im vierten seines insgesamt f\u00fcnfb\u00e4ndigen Werkes <em>H\u00e9rmes<\/em> ver\u00f6ffentlicht. Vgl. Michel Serres: &#8222;Diskurs und Parcours&#8220;. In: <em>Hermes IV<\/em>, Berlin 1993, S. 206-221. Nach dieser Ausgabe werden die Zitate im Folgenden direkt im Text in abgek\u00fcrzter Form zitiert als DP. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-12'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-13'> Vgl. Doris Schweitzer: <em>Topologien der Kritik: Kritische Raumkonzeptionen bei Gilles Deleuze und Michel Serres<\/em>. Berlin 2011, S. 287. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-13'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-14'> Vgl. Ulrich Meurer: &#8222;Kette, Schuss, Gegenschuss: Penelope als autoreflexive Figur in Godards Le M\u00e9pris&#8220;. In:<em> Perseus&#8216; Schild: Griechische Frauenbilder im Film.<\/em> Hg. v. Ulrich Meurer, Marie-Elisabeth Mitsou, Maria Oikonomou. M\u00fcnchen 2008, S. 125-161, hier: S. 126. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-14'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-15'> Vgl. Meurer 2008, S. 126. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-15'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-16'> Vgl. Meurer 2008, S. 127. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-16'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-17'> Vgl. Theodor W. Adorno\/Max Horkheimer: <em>Dialektik der Aufkl\u00e4rung<\/em>. Frankfurt\/Main 172008, S. 11 sowie 12f. Vgl. auch Inge Stephan: &#8222;Odysseus und die Sirenen: Zur Dialektik der Aufkl\u00e4rung von Adorno und Horkheimer&#8220;, In: M<em>usen &amp; Medusen: Mythos und Geschlecht in der Literatur des 20. Jahrhunderts. <\/em>Hg. v. Inge Stephan. K\u00f6ln 1997, S. 106-132, hier: S. 107f. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-17'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-18'> Ellen Harlizius-Kl\u00fcck: s.v. &#8222;Weben, Spinnen.&#8220; In: <em>W\u00f6rterbuch der philosophischen Metaphern<\/em>, Hg. v. Ralf Konersmann. Darmstadt 2011, S. 504-524, hier: S. 507. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-18'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-19'> Harlizius-Kl\u00fcck 2011, S. 506. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-19'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-20'> Zur Anwendung der Webmetaphorik im kosmologischen Denken der Griechen und R\u00f6mer vgl. Robert Eisler (1910): <em>Weltenmantel und Himmelszelt: Religionsgeschichtliche Untersuchungen zur Urgeschichte des antiken Weltbildes<\/em>, 2 B\u00e4nde, Hildesheim 2002; vgl. auch Johann Jakob Bachofen: <em>Oknos der Seilflechter. Ein Grabbild. <\/em>M\u00fcnchen 1923, S. 24ff. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-20'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-21'> Vgl. DP, 217; vgl. Schneider 1994, S. 102. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-21'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-22'> Vgl. Meurer 2008, S. 156, Fu\u00dfn. 5; vgl. Uvo H\u00f6lscher: <em>Die Odyssee: Epos zwischen M\u00e4rchen und Roman. <\/em>M\u00fcnchen 21990, S. 46: Nach H\u00f6lscher m\u00fcndet an diesem Punkt der eine Handlungsstrang der Odyssee in den anderen. Tats\u00e4chlich seien es aber nicht zwei Geschichten, sondern eine: &#8222;Die einfache Geschichte, die wir hinter dem Epos erkennen, das Odysseus-M\u00e4rchen, weist bereits in ihrer abstrakten Struktur zwei Str\u00e4nge auf, die im Epos als kunstvolle Doppelhandlung gleichzeitiger Geschehnisse entfaltet ist. Auf ihre Vereinigung l\u00e4uft die Logik der Geschichte hinaus.&#8220; <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-22'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-23'> Deleuze\/Guattari 1992, S. 659. &#8222;Schlie\u00dflich scheint ein solcher Raum zwangsl\u00e4ufig eine Vorder- und eine R\u00fcckseite zu haben; selbst wenn die F\u00e4den der Kette und des Durchschusses genau gleich sind, die gleiche Zahl und die gleiche St\u00e4rke haben, hat das Gewebe eine Unterseite, auf der die F\u00e4den verkn\u00fcpft werden.&#8220; (ebd.) Filz hingegen w\u00e4re eine Art &#8222;Anti-Gewebe&#8220; und ein glatter Raum, da dieses als unendlich, offen und in alle Richtungen unbegrenzt charakterisiert werden kann. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-23'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-24'> Deleuze\/Guattari 1992, S. 304. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-24'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-25'> Schweitzer 2011, S. 123f. sowie S. 129. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-25'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-26'> Vgl. Schweitzer 2011, S. 460. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-26'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-27'> Deleuze\/Guattari 1992, S. 669. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-27'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-28'> Vgl. Schweitzer 2011, S. 460 (auch vorhergehendes Zitat). <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-28'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-29'> Vgl. Schweitzer 2011, S. 463. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-29'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<li id='fn-2614-30'> Schweitzer 2011, S. 463. <span class='footnotereverse'><a href='#fnref-2614-30'>&#8617;<\/a><\/span><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Uta Caroline Sommer<\/strong><\/p>\n<p>Inwiefern kann Penelopes Weben als Flucht an Ort und Stelle im Anschluss an Deleuze begriffen werden und welche Akzentverschiebung ergibt sich \u2013 daran ankn\u00fcpfend \u2013 mit Michel Serres&#8216; Lesart der Figur der Penelope?<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":2617,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[3,4,5,11,15,18,20,21,23,30,36,50,51,53,54],"class_list":["post-2614","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-uncategorized","tag-bedeutung","tag-belagerung","tag-bewegung","tag-europa","tag-flucht","tag-gender","tag-gewebe-gefuege","tag-gilles-deleuze","tag-grenzen","tag-kosmos","tag-michel-serres","tag-text","tag-textil","tag-theodor-adorno","tag-theorie"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2614","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2614"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2614\/revisions"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/2617"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2614"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2614"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/escape.univie.ac.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2614"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}